Sei vorsichtig mit dem, was du dir wünschst!

Eine für Wien typische Rauschkugel findet im Park vor dem Rathaus eine verschlossene Flasche. Unser Freund, durstig wie immer, öffnet diese und Enttäuschung breitet sich in seinem Gesicht aus. Anstatt der erwarteten Grinzinger Rabiatperle befindet sich nur schwarzer Rauch in der Flasche, der langsam durch den Flaschenhals entweicht.

Enttäusch lässt unser Michel, so lautet sein werter Name, die Flasche fallen und starrt ungläubig auf die über dem Boden schwebende schwarze Wolke, die sich zu einer Frau formt, die unseren immer durstigen Michel verheißungsvoll anlächelt. Die Lücke zwischen den beiden Vorderzähnen, die wie ein Schlund zur Hölle wirkt, hätte ihn eigentlich zur Vorsicht mahnen müssen.

Sein Wunsch nach etwas trinkbaren, lässt ihn alle Vorsicht vergessen und er schreitet großen Schrittes  auf die Frau, die ihm auf Grund all der Tetrapaks von billigem Wein, die er in seinem erbärmlichen Leben bereits konsumiert hatte, wie eine Göttin erscheint, zu.

“Ich bin die gute Fee aus dem fernen Athen. Weil du mich befreit hast, darfst du dir etwas wünschen. Bedenke aber, und überlege gut, es sind nur drei Wünsche die dir zustehen.”

Unser durstiger Freund fragt mit unsicher klingender Stimme: “Was darf ich mir wünschen?”

“Alles was du möchtest.”, säuselt die die Frau, die an eine Angehörige des Fahrenden Volkes erinnerte.

“Also, mein erster Wunsch wäre, reich zu sein, sehr reich.”

“So sei es.” erwidert die Frau, von der er anfangs gedacht hatte, dass sie nur ein Auswuchs seines beginnenden Deliriums wäre.

“Und dein zweiter Wunsch?”

“Ich möchte in einem großen Haus wohnen.” stottert unser kleiner rundlicher Freund.

“Auch das wird geschehen, mein überaus durstiger Retter. Und wie lautet dein letzter Wunsch? “

Ich möchte jeden Morgen von einer wunderschönen Frau wachgeküsst werden.”

“Wenn du morgen aufwachst, so werden all deine Sehnsüchte erfüllt sein.” spricht die Frau mit einem salbungsvollen Lächeln auf den Lippen.

Kaum hatte sie diesen Satz ausgesprochen, verschwindet sie im Nichts und hinterlässt nur eine nach Schwefel riechenden Wolke.

Und als unser Freund am nächsten Tag aufwacht, spürte er etwas Warmes und Feuchtes auf seinen Lippen und er erkennt, dass ihn so eben eine Frau, eine so schöne Frau, wie er sie noch nie gesehen hatte, auf den Mund geküsst hatte, und das scheinbar freiwillig.

Lächelnd erkennt unser Michel, dass zumindest einer seiner Wünsche erfüllt wurde. Als er sich umblickt, um festzustellen, wo er sich befindet, staunt er nicht schlecht.

Prunkvolle Gemälde in Goldrahmen hängen an der Wand, die hohen Räume, die an ein Schloss erinnerten, sind mit feinen Seidentapeten ausgekleidet. Also dürften auch seine beiden anderen Wünsche wahr geworden sein, stellt er zufrieden fest.

Als er sich mit einem breiten Lächeln im Gesicht aufsetzt, spricht die neben ihm im Bett liegende Frau: “Franz Ferdinand, steh auf, wir müssen heute nach Sarajevo.”